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Plötzlich Chefin

Was vielen Dax-Unternehmen verordnet wurde, treibt Firmen der Region schon lange an: Frauenpower. Acht Führungsfrauen berichten.

Dr. Gudrun Bülow hat der Macht der Gewohnheit ein Schnippchen geschlagen: Als 1995 die Kinder groß genug sind und zwei Informatiker – einer davon ihr Ehemann – eine IT-Firma gründen, startet sie durch. Sie verlässt den „Elfenbeinturm“ Wissenschaft, geht in die Wirtschaft. Fortan führt sie die Geschäfte der Dr. Bülow & Masiak GmbH in den Bereichen Personal und Finanzen. „Das habe ich mir zugetraut, obwohl ich über diese Dinge wenig wusste“, erinnert sie sich. Bülow büffelt sich durch die Themen Bilanzbuchhaltung,Arbeits- und Vertragsrecht, meistert neue Herausforderungen: „Früher kam das Geld automatisch, jetzt musste ich Aufträge einholen und Angebote kostengünstig kalkulieren, das war schon eine andere Welt“, sagt sie.

Ihre Fähigkeit, viele Informationen in kurzer Zeit aufzunehmen, kommt ihr in der Anfangsphase zugute. „Wenn ich etwas Gedrucktes sehe, muss ich es lesen“, sagt Bülow, die schon mit acht Jahren eine „Flatrate“ für die Marler Stadtbibliothek hatte.

Prinzip Verantwortung

Die Liste der Erfolge, die Dr. Gudrun Bülow mit Kommunikation und Überzeugungskraft erzielt, ist lang. Sie bringt den Betrieb nach vorne, hebt gemeinsam mit anderen eine Reihe von Initiativen und Netzwerken aus der Taufe, stärkt damit die Region und die Rolle der Frau in der Wirtschaft, übernimmt beispielsweise als Vize-Präsidentin der IHK NordWestfalen Verantwortung und wurde 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. „Es kann nicht sein, dass jeder darauf wartet, dass jemand anderes etwas unternimmt“, begründet sie ihr Engagement. Es gelte, selbstständig zu denken und Verantwortung zu übernehmen, sowohl im Betrieb als auch außerhalb.

Selbstständig ist auch Irmgard Isermann. Die Inhaberin der Droppelmann GmbH & Co. KG Uhren, Schmuck und Augenoptik in Münster-Hiltrup führt die Geschäfte mit Tochter Sonja Sarrazin. „Wir ergänzen uns fantastisch“, sagt Isermann. Ihre Tochter fügt an: „Aber wenn sich mein Mann nicht mit um das Kind kümmern und zeitweise zu Hause sein würde, könnte es nicht funktionieren, weil wir zwei Selbstständigkeiten unter einen Hut bringen müssen.“ Die Firma Droppelmann ist seit 1987 fest in weiblicher Hand, und daran wird sich so schnell nichts ändern. „Ein Mann für die Geschäftsführung ist nicht in Sicht und wir haben auch keinen Bedarf“, sagt Isermann, die seit 2006 den Betrieb leitet und der Familienlegende nach mit einem Werkzeug in der Hand zur Welt kam.

Kräftig anzupacken, um die eigenen Fähigkeiten und die Firma weiterzuentwickeln, ist für beide Frauen das Motto. So nimmt Isermann an vielen Weiterbildungen teil. Sarrazin schließt als Jahresbeste in NRW ihre Ausbildung als Augenoptikerin ab, absolviert ein Studium zur Diplomingenieurin für Augenoptik, setzt den Master of Science drauf und wird Spezialistin für funktionale Optometrie. „Damit sind wir im Radius von 30 Kilometer die Einzigen“, betont Isermann, die auf ihre eigene Leistung ebenso stolz sein kann. Seit Jahrzehnten fällt sie die Entscheidungen - mit Erfolg: „Seit ich dabei bin, haben wir 13 mal umgebaut, modernisiert und expandiert, haben uns von 15 auf nunmehr rund 500 Quadratmeter vergrößert“, berichtet sie. Die eigentliche Herausforderung war, Familie und Beruf zu vereinbaren. „Ich habe oft bis spät in die Nacht gearbeitet, damit ich am Wochenende und abends für die Kinder Zeit hatte“, so Isermann.

Zur Chefin berufen

Mit und von Technik lebt auch Petra Groneberg- Nienstedt. Sie ist Vorsitzende der Geschäftsführung der Nienstedt GmbH in Haltern am See, die Maschinen zur Bearbeitung von gefrorenen Nahrungsmitteln herstellt und weltweit vertreibt. Geplant und bereits erfolgreich umgesetzt hatte die Diplom-Volkswirtin eine Karriere auf anderem Terrain. Sie war Leiterin der betriebswirtschaftlichen Abteilung einer Hamburger Bank, war selbstständig und für McKinsey in der Management-Beratung tätig. „Dann rief die Familie, denn mein Schwiegervater verstarb“, erzählt Groneberg-Nienstedt, die 1993 die Branche wechselt. „Es ging um ein Unternehmen, das 1948 gegrünumgedet wurde und fast 50 Mitarbeiter beschäftigte, was gab es da noch abzuwägen“, erklärt sie. Nach der Übernahme macht sie nicht alles, aber einiges anders. „Meine Aufgabe war es, Technikbegeisterung und Kreativität im Betrieb zu halten, zugleich aber Marktperspektiven sowie Kosten und Nutzen von Entwicklungen abzuschätzen.“ In dieser Hinsicht sei nach dem Einstieg alles klarer und strukturierter geworden. Die viel zitierte weibliche Intuition hält Groneberg-Nienstedt, die zum Steuerungskreis der von der IHK NordWestfalen initiierten Industrie-Akzeptanzoffensive gehört, für ein Konstrukt. „Es gibt viele Führungsstile, aber die weibliche Art ist noch nicht näher spezifiziert worden“, sagt sie.

Wichtig sei, betont Groneberg-Nienstedt, dass Frauen auf dem Karriereweg unterstützt werden. „Früher war ich gegen die Quote, weil ich dachte, die Leistung müsste alleiniges Kriterium sein“, sagt sie und fährt fort: „Aber so lange es anscheinend ein unausgesprochenes Leistungskriterium ist, Mann zu sein, haben wir Frauen einen Nachteil.“ Gerne bekäme sie Bewerbungen von Ingenieurinnen auf den Tisch. Dass Frauen diese Männerdomäne noch nicht erobert haben, liege auch daran, dass in der Schule generell auf Technik zu wenig vorbereitet werde, erklärt Groneberg-Nienstedt, die zu Beginn ihres Studiums in den 70er-Jahren mit nur zwei weiteren Frauen und rund 200 Männern im Hörsaal saß.

Diplomarbeit Einstieg

Zwei Frauen und ein Mann stehen an der Spitze der in Coesfeld ansässigen Thies GmbH & Co. KG. Das international aufgestellte, familiengeführte Unternehmen ist 1892 gegründet worden und stellt Textilmaschinen her. Als Teenager spielte Verena Thies, die heute mit ihren Geschwistern Christiane und Alexander die Geschäfte führt, mit dem Gedanken, Tierärztin zu werden. Doch schon zu Schulzeiten gewinnt sie Einblicke in den elterlichen Betrieb. Mit ihrer Diplomarbeit ist zum ersten Mal ihre Handschrift in der Unternehmensentwicklung zu erkennen: „Die habe ich über die Einführung eines ERP-Systems geschrieben und anschließend die Umsetzung mitbegleitet”, berichtet die Betriebswirtin. Dass sie, genau wie Petra Groneberg-Nienstedt, als Geschäftsfrau in einer nach wie vor überwiegend von Männern besetzten Branche arbeitet, empfindet Thies nicht als Nachteil. „Zu Beginn wurde ich öfter darauf angesprochen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich sehr schnell eine Gewöhnung einstellt“, berichtet sie. Von der Quote für Führungsfrauen hält sie wenig. „Bedingt durch den Mangel an qualifizierten Kräften werden die Unternehmen ohnehin auf die Frauen zugehen“, sagt sie und fügt an: „Ich glaube, dass sich der Arbeitsmarkt diesbezüglich von selbst reguliert und solche Instrumente ebenso vorsichtig eingesetzt werden sollten wie Subventionen.“ Mit flexiblen Arbeitszeiten stellt die Thies GmbH & Co. KG die Weichen für die Zukunft: „Wir erleben oft, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit kleinen Kindern dankbar sind, wenn sie nach der Elternzeit eine Stelle mit einer gewissen Planungssicherheit hinsichtlich ihrer Arbeitszeiten annehmen können“, so Thies.

Herausforderung gespürt Planungssicherheit im Beruf hatte auch Kerstin Bickmann. Sie ist als Bilanzbuchhalterin in einem großen Unternehmen tätig, als im April 2006 ihr Vater verstirbt. „Noch im Februar zuvor habe ich mit meinem Bruder ohne konkreten Anlass über die Unternehmensnachfolge gesprochen“, erinnert sie sich. Damals habe sie sich das nicht zugetraut. Beim Erbengespräch muss sie sich unter veränderten Vorzeichen erneut der Nachfolwirtschaftsspiegel gefrage stellen. „Mein Bruder wollte in Frankreich bleiben, der Firma drohte das Aus“, erzählt sie. Innerhalb von Minuten fasst sie den Entschluss, in die Heimtierartikelbranche einzusteigen. „Ich habe in diesem Augenblick die Herausforderung gespürt, zuzupacken und durchzustarten, und habe den Mitarbeitern der Bubimex GmbH & Co. KG am Folgetag verkündet, dass es unter meiner Geschäftsführung weitergeht“, schildert sie den Wendepunkt ihres Berufslebens. Mit der Übernahme stehen für Bickmann, die inzwischen zusätzlich zur Tätigkeit als Unternehmerin ehrenamtliche Aufgaben im Regionalausschuss der IHK Nord Westfalen und als Handelsrichterin übernommen hat, mindestens 55 statt 35Wochenarbeitsstunden auf dem Programm. Passgenau fügen sich die Entwicklungen im Gewerbegebiet Herten-Nord in ihre Pläne ein: Ein Grundstück inklusive Halle steht plötzlich zum Verkauf. Die Unternehmerin trifft ihre Entscheidung, lässt nicht locker, als die Verhandlungen kompliziert werden, und erreicht am Ende ihr Ziel: Standortwechsel und Expansion. „Ich liebe es, Entscheidungen zu treffen“, sagt Kerstin Bickmann. Demnächst soll zudem eine große Halle gebaut werden. Ihr Fazit seit der Übernahme: „Die Bubimex GmbH & Co. KG hat ihren Umsatz seit 2006 verdreifacht“, sagt Bickmann.

Den Umsatz verdreifacht, das hat, etwa zeitgleich, auch die in Lüdinghausen ansässige PE.WE. GmbH geschafft, ein Hersteller von frischen und tiefgekühlten Convenience-Feinkost-Produkten, die an den Einzelhandel, Großverbraucher und die Systemgastronomie vertrieben werden. Und auch hier ist eine Frau im Spiel: Annekatrin Wünsche, Tochter des Gründers Peter Wünsche, ist 2010 in die Geschäftsführung aufgestiegen. Bereits 2006 hatte sie die Prokura erhalten.

Qualifikation vor Expansion

Kaum im Chefsessel, plädiert sie für eine richtungsweisende Investition: „Wir haben in die Zukunft geschaut, an uns geglaubt, sieben Millionen Euro in die Hand genommen und an einem zweiten Standort in Lüdinghausen eine der modernsten Produktionsfabriken der Branche errichtet“, schildert sie die bis dato größte Herausforderung ihrer Karriere. Das Zwischenfazit der Managerin lässt erahnen, dass die topmoderne Snackfabrik für knackige Umsatzzahlen sorgt: „Selten eine so gute Entscheidung getroffen“, kommentiert sie. Eine gute Entscheidung war es auch, in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Früh sieht sie die Welt mit den Augen einer Unternehmerrin. Von ihrem Vater hat sie weitgehend auch das Führungskonzept übernommen: „Fair sein und immer ein offenes Ohr für die Mitarbeiter haben“, erklärt Wünsche. Doch in Nuancen, fügt sie an, unterscheide sich für sie die Art zu führen bei Männern und Frauen. „Ich glaube, dass Frauen etwas empathischer sind und mehr auf Konsens achtgeben“, sagt sie. Der Kommunikation räumt Wünsche in ihrem Führungskonzept den zentralen Platz ein.

Mit exakt diesem Ansatz hat bereits die ehemalige Geschäftsführerin der in Bocholt ansässigen Pieron GmbH ihren Betrieb auf Wachstumskurs gesteuert. „Ich habe Entscheidungen immer erst nach langem Zuhören und als Teamplayerin gefällt“, sagt Gisela Pieron. Viel Zeit, ihre Strategie zu entwickeln, hatte sie nicht, als sie 1981 in die Firma einstieg. „Mein Mann ist mit 38 Jahren an Krebs gestorben und meine Schwiegermutter sagte, ich müsse jetzt die Ärmel aufkrempeln, damit die Arbeit der beiden vorhergehenden Generationen nicht umsonst gewesen ist“, erzählt Gisela Pieron, die damals mit der Erziehung der drei Söhne gut ausgelastet war. Doch übernahm sie ad hoc in der Geschäftsführung der Firma, die technische Federn herstellt, den kaufmännischen Part. „Ich habe es mir zugetraut, aber mutig war es schon“, blickt sie zurück.

Harte sieben Jahre

Viele Mitarbeiter hätten ihr geholfen, die ersten sieben harten Jahre zu meistern. Doch: „Ich habe die Einstellung, dass Frauen an die Kochtöpfe und nicht an die Spitze eines Technikunternehmens gehören, deutlich zu spüren bekommen“, räumt Pieron ein. Das Unternehmen macht sich in Frauenregie prächtig, auch und gerade, als Pieron alleine die Zügel in der Hand hält. So stieg in den vergangenen 25 Jahren die Zahl der Mitarbeiter von rund 50 auf etwa 250, der Umsatz seit 1995 von 11,5 Millionen auf rund 34 Millionen Euro. Das Unternehmen hat seit der Ansiedlung im Industriepark Bocholt von 3500 auf 13 000 Quadratmeter expandiert. Vergrößert hat sich auch der Kreis der Ratgeber: „Wir haben uns einen Beirat zugelegt, als wir umgezogen sind, und damit sehr gute Unterstützung gewonnen“, erzählt sie. Inzwischen ist der Betrieb weltweit aktiv, ist seit 2001 in den USA und seit 2005 in China mit einem Joint Venture vertreten. Kooperationen gibt es auch in Mexiko und Indien.

Zurückgezogen aus der Geschäftswelt hat sich Gisela Pieron noch nicht. So ist sie nach wie vor in der Pieron International GmbH sowie der BSL Beteiligungs-GmbH in der Geschäftsführung tätig. Zudem hat sie ehrenamtliche Aufgaben übernommen, unter anderem für die IHK Nord Westfalen. Künftig plant sie vielleicht ein „Studium im Alter“ und möchte sich mehr Zeit für die Enkel nehmen. „Irgendwann muss man loslassen“, sagt sie. Ihre Ziele hat sie nach eigener Einschätzung nur erreicht, weil sie „die Dinge einfach angepackt“ habe und „mit den Aufgaben gewachsen“ sei. Genau dieses Verfahren empfiehlt sie allen Frauen, die sich ein Leben als Unternehmerin vorstellen können: „Nicht lange nach demWeg suchen, sondern einfach gehen.“

DOMINIK DOPHEIDE
IHK wirtschaftsspiegel, Freitag 01.05.2015